Autor, Historiker, Performer
Mitbegründer der Puppet Players
Am 22. Dezember 2005 ist George Speaight, nur fünf Wochen nach seiner Frau Mary, in seinem Haus in Kew Gardens bei London gestorben. Er ist 91 Jahre alt geworden. Am 9.Januar haben wir – seine Familie und seine vielen Freunde – ihn auf dem Friedhof von Richmond begraben.
George Speaight war eine der farbigsten und vielseitigsten Erscheinungen auf dem Parkett des internationalen Puppen- und Papiertheaters. Er war Gentleman und Exzentriker – eine einzigartige und sehr englischen Mischung. Er war Autor mehrerer Standardwerke, die sich durch profunde Sachkenntnis und beispielhafte Klarheit auszeichnen, u.a. „Juvenile Drama“ (1946), „The History of the English Puppet Theatre“ (1955), „The History of the English Toy Theatre“ (1969), „Punch and Judy“ (1970), „A History of the Circus“ (1980). Und er war Performer – Sprecher, Spieler, Clown. Wer ihn je bei einer Papiertheateraufführung von „The Corsican Brothers“ oder „The Miller and his Men“ erlebt hat, wird dies nie vergessen – sein Elan und seine melodramatische Verve und zugleich das ihm eigene ironische Augenzwinkern. Oder die „Old Time Marionettes“: ein viktorianisches Varieté mit 150 Jahre alten Marionetten, das George mit live-vorgetragenen Music-Hall-Songs untermalte (mit verblüffenden Tonartsprüngen). Oder George Speaight als Sprecher und Schauspieler mit seinen rasanten Kostümwechseln in unseren Inszenierungen „Shakespeare & Co.“, „The Clown’s Story“, „The Trojan Donkey“ oder „Mozart & Harlequin“, mit denen wir gemeinsam in den 70er und 80er Jahren quer durch Europa reisten und darüber hinaus.
George Speaight, geboren 1914, hatte als Buchhändler begonnen, war Lektor und Verleger geworden. Doch schon in frühen Jahren galt seine Leidenschaft dem volkstümlichen Theater, das eine lebenslange Passion blieb. Als 18-jähriger Buchhändler vor dem Krieg unterhielt er die Kunden mit Papiertheateraufführungen. Der große Theaterregisseur Peter Brook beschreibt in seinen Lebenserinnerungen („Zeitfäden“) seine erste und prägende Begegnung mit dem Theater: eine Papiertheateraufführung von „The Corsican Brothers“ in Bumpus Bookshop in Oxford Street, London – gespielt von George Speaight!
Von den vielen ehrenamtlichen Funktionen, die George Speaight inne hatte, hier nur einige wenige: Ehrenmitglied der UNIMA, Vizepräsident der Puppet and Model Theater Guild, Mitbegründer des Institute for Theatre Research, 40 Jahre lang Vorsitzender des Direktoriums des Little Angel Theatre, London und Fellow der Royal Society of Arts.
1976 gründeten George Speaight, Susanne Forster und ich in London die Puppet Players (zunächst London Puppet Players). Seinen letzten Auftritt auf der Puppet-Players-Bühne hatte er 2001 87-jährig im Münchner Stadtmuseum zur Feier unseres 25. Bühnenjubiläums: noch einmal erschien er in einer Szene aus „Shakespeare & Co.“ – The Reeve’s Tale von Geoffrey Chaucer – und noch einmal riß er das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.
Er war Mentor und wunderbarer Kollege. Uns, Susanne Forster und mich, verbindet mit George und seiner Frau Mary eine, die berufliche Verbindung weit überragende Freundschaft. Oft wohnten wir mit unseren damals noch kleinen Kindern in ihrem wunderbar altmodischen Haus in Kew, und umgekehrt verbrachte er viel Zeit bei uns in Gauting, er hatte sogar ein eigenes Bücherregal, um die schweren Bücher nicht immer im Koffer hin und her transportieren zu müssen – er war ein leidenschaftlicher Eisenbahnfahrer und besaß keinen Führerschein. Die vielen Geschichten und Anekdoten unserer Tournée-Abenteuer würden ein Buch füllen. Was sich aber mehr als alles andere ins Gedächtnis eingegraben hat, sind die langen Gespräche, die wir hatten – nur wir drei, im lauten, engen Dieseltransporter – während wir endlos nervtötende Autobahnen entlang ratterten. Egal ob Politik, Geschichte, Literatur, Religion oder auch ganz persönliche Themen – es gab keine Grenzen und keine Tabus. Unkonventionell, offen, immer sehr gut informiert und mit menschlichem Engagement nahm er am Gespräch teil. Wenn uns auf langen Nachtfahrten irgendwann die Themen ausgingen begannen George und Susanne zu singen, um den Fahrer wach zu halten. Und wenn auch das beträchtliche Repertoire an Volksliedern und Music-Hall-Songs erschöpft war, dann kamen die Kirchenlieder dran. War auch dann das Ziel noch nicht erreicht, stimmte George die katholische Lithurgie an: mit einem „Sanctus“ erreichten wir schließlich sicher unseren Bestimmungsort.
Danke George! Du fehlst uns.
